Rede im Deutschen Bundestag zum Internationalen Weltfrauentag

Chancengleichheit statt ideologische Gleichmacherei

 Bild: © Daniel Rudolph Bild: © Daniel Rudolph
Jedes Jahr am 8. März findet der Internationale Weltfrauentag statt. Anlässlich dieses wichtigen Datums für Frauenrechte und Gleichberechtigung fand im Deutschen Bundestag eine Debatte statt, bei der auch Silvia Breher eine Rede hielt.

Hier können Sie die Rede noch einmal verfolgen (Dauer ca. 5 min.):

Die Rede zum Nachlesen:

Sehr geehrter Herr Präsident! 
Liebe Kolleginnen und Kollegen! 
Liebe Frauen! 

Der Internationale Weltfrauentag am 8. März fällt dieses Mal in ein ganz besonderes Jahr: 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland. Schon 100 Jahre? Oder erst 100 Jahre? Heute ist das Frauenwahlrecht für uns völlig selbstverständlich, so wie vieles andere eben auch. Eigentlich können Mädchen und Frauen in Deutschland alles werden, alles machen, jeden Beruf ergreifen, den sie wollen. Vieles ist so selbstverständlich, dass ich immer mal höre: Weltfrauentag in Deutschland? Kampf für Frauenrechte und Gleichberechtigung - wofür brauchen wir das eigentlich noch?

In unserem Grundgesetz steht: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Ja, das steht von Beginn an in unserem Grundgesetz. Und obwohl es seit 1949 drinsteht, mussten noch 1977 Frauen ihre Männer um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten wollten. Das alles ist noch überhaupt nicht lange her. Das Erreichte, also das, was wir heute an Gleichberechtigung haben, ist nicht einfach so vom Himmel gefallen.

Nein, dafür haben viele starke Frauen jahrelang gekämpft. Unsere Mütter, Omas, Uromas haben sich dafür eingesetzt und sich auch oft unbeliebt gemacht. Davon profitieren wir bis heute.

Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Artikel 3 Absatz 2 unseres Grundgesetzes ist aber keine Tatsache, sondern ein ständiger Auftrag an uns alle, die Augen aufzumachen und genau hinzusehen. 

Wenn wir erkennen, dass Frauen irgendwo nicht gleichberechtigt sind und benachteiligt und diskriminiert werden, dann müssen wir handeln.

Uns und mir geht es dabei aber ausdrücklich nicht um ideologische Gleichmacherei. Männer und Frauen müssen nicht alles gleich machen. Männer und Frauen müssen keine identischen Lebensbiografien haben, und es müssen sich auch nicht alle Paare die Erwerbstätigkeit, die Hausarbeit und die Familienarbeit gleichberechtigt teilen.

Wir alle - wenn ich von „wir“ spreche, dann meine ich die Frauen heute ebenso wie die Männer - müssen gar nichts, aber wir dürfen, wenn wir es wollen.

Gleichberechtigung bedeutet doch viel mehr, die Freiheit und die Chancengleichheit im Leben zu haben - also die Freiheit und die gleiche Chance zu haben, den eigenen Weg zu gehen und selber zu bestimmen, wie das eigene Leben aussehen soll. Diese Freiheit muss endlich selbstverständlich werden.

Vieles haben wir schon auf den Weg gebracht, gerade im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Chancengleichheit im Beruf und im Sexualstrafrecht. Der Weltfrauentag 2018 steht unter dem Motto #PressforProgress, also: weitermachen, dranbleiben. Das werden wir hier tun; so haben wir es im Koalitionsvertrag vereinbart. Wir werden Weiteres auf den Weg bringen. Das ist schon genannt worden.

Der Auftrag unseres Grundgesetzes - Männer und Frauen sind gleichberechtigt - richtet sich nicht nur an uns Politiker, sondern an alle Menschen. Denn alleine durch Gesetze und Diskriminierungsverbote erreichen wir keine Gleichberechtigung. Wir müssen sie im Alltag leben, wir müssen sie umsetzen. Also müssen wir auf der einen Seite Gleichberechtigung zulassen und sie auf der anderen Seite weiter einfordern.

Dabei ist mir eines ganz wichtig: Bleiben wir ehrlich und überziehen wir die Erwartungen an die Frauen nicht. Manchmal höre ich: Frauen sollen - na klar - arbeiten und beruflich erfolgreich sein. Sie sollen Kinder wollen und dann weiter beruflich erfolgreich sein. Aber Mütter, die arbeiten, werden schnell als Rabenmütter bezeichnet.

Mütter, die dann bei den Kindern zu Hause bleiben, sind schnell ein Hausmütterchen und werden mit einer Handbewegung abgetan. Und dass Frauen natürlich immer gute Laune haben müssen, weil sie sonst zickig sind, und wir alle eigentlich Topmodels sein müssen, das versteht sich schließlich von alleine.

Vor diesem Hintergrund wünsche ich mir manchmal eine große Portion mehr Gelassenheit. Akzeptieren wir einfach einmal das persönliche Lebensmodell einer jeden Frau. Nur, wenn wir in Deutschland diese Chancengleichheit auch wirklich leben, können wir Vorbild für andere Länder sein.

Vielen Dank.

Nach oben