Erste Rede im Bundestag

zum Thema: "Unkontollierte Population des Wolfes"

Heute hat Silvia Breher ihre erste Rede im Bundestag im Rahmen der Debatte über Anträge verschiedener Fraktionen zum Thema Wolf gehalten.
Hier können Sie die Rede anhören und -schauen (Dauer knapp 6 Minuten):

(Quelle: Deutscher Bundestag)

Hier die Rede zum Lesen:

"Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Ja, es ist ein Erfolg für den Natur- und Artenschutz in Deutschland, dass der Wolf hier wieder heimisch geworden ist. Aber an dem Punkt, ihm einfach nur: „Hallo und herzlich willkommen; schön, dass du da bist“, zuzurufen, sind wir heute leider nicht mehr.

Die typischen Thesen lauten: Der Wolf ist ein scheues Tier. Der Wolf meidet den Menschen. Der Wolf ernährt sich von Wildtieren. - An diese Thesen hält sich leider nicht jeder Wolf. Ich kann verstehen, dass all diejenigen, die weit weg sind, in der Stadt wohnen und nicht betroffen sind, das Thema romantisieren und sich einfach darüber freuen, dass der Wolf da ist.

Aber in meinem Wahlkreis Cloppenburg-Vechta haben wir seit 2014 eine Wölfin. Diese Wölfin hat gelernt, dass es bei uns nicht nur Wild, sondern auch Nutztiere gibt, die freundlicherweise eingezäunt sind und deswegen nicht weglaufen können.

Und sie hat gelernt, dass die nach Standard errichteten Zäune - 1,50 Meter hoch und stromführend - ihr nichts anhaben, wenn sie darüber springt. In der Luft wirkt der Strom nämlich nicht, weil sie dort nicht geerdet ist. Über 2 Meter hohe Zäune klettert sie drüber. Dass die Menschen keine Feinde sind, hat sie auch gelernt. Denn sie spaziert durch unsere Orte und Siedlungen. Und weil es ihr bei uns so gut geht, hat sie im vergangenen Jahr Nachwuchs bekommen. Wir haben jetzt ein Rudel, und den Welpen zeigt sie gerade, wie sie diese Zäune einfach so überwinden können. Das ist nur ein Beispiel von ganz vielen in Deutschland.

Haben Sie mit den Weidetierhaltern in den betroffenen Regionen in Niedersachsen gesprochen? Ich kann diese Weidetierhalter verstehen. Aber können Sie sich vorstellen, wie sich die Hobbyhalter, die Privatzüchter und eben auch die Landwirte fühlen, wenn sie jeden Morgen auf die Weide gehen und Angst haben müssen, wieder tote Tiere zu finden? Ich spreche nicht von nur einem toten Tier, das aufgefressen worden ist, und auch nicht von nur einem einmaligen Vorfall. Nein, ich spreche von mehreren Tieren, von einer ganzen Herde, von vielen schwerstverletzten Tieren. Die Bilder wollen Sie nicht sehen. Ich aber habe sie gesehen.

Diese Weidetierhalter sind am Ende ihrer Kraft. Sie können nicht mehr. Die Hobbyhalter haben aufgegeben und ihre Tiere - zumindest die, die übrig geblieben sind - verkauft. Die Landwirte stehen mit dem Rücken zur Wand. Aber ohne unsere Weidetierhalter funktionieren unsere Vegetation und der Schutz der Heidelandschaften und unserer Buschvegetationen nicht. Ohne unsere Weidetierhalter funktioniert auch der Deichschutz an unseren Küsten und an unseren Flüssen nicht. Dadurch werden die Deichsicherheit und damit auch die Sicherheit der Menschen hinter dem Deich gefährdet.

Wir wollen unsere Weidetierhaltung, und wir brauchen unsere Weidetierhaltung. Aber sprechen wir hier ernsthaft - wirklich ernsthaft - über Weideschutz durch wolfssichere Zäune, und zwar überall in unserem Land, an der gesamten Küste und unseren Deichen entlang und durch die Heide? Wohl kaum. Oder sprechen wir über Herdenschutz durch Herdenschutzhunde an den Küsten, wo die Urlauber entlanglaufen sollen? Wohl kaum.
Lassen Sie uns doch endlich ehrlich sein: Ja, ein sinnvoller Herdenschutz hilft. Ja, wir brauchen schnellere Verfahren zur Feststellung im Falle eines Wolfsrisses. Ja, wir brauchen eine bessere finanzielle Unterstützung der Weidetierhalter zur Prävention und auch im Schadenfall.
All das wird aber nicht reichen; denn die Wolfspopulation wächst in jedem Jahr um 30 Prozent. Wenn wir die Existenz des Wolfes in Deutschland sichern wollen, dann brauchen wir nicht nur die Akzeptanz derjenigen, die damit nichts zu tun haben, sondern auch die Akzeptanz derjenigen, die mit dem Wolf leben müssen.

Wir müssen den heute schon vorhandenen Rechtsrahmen, den uns das Bundesnaturschutzgesetz liefert, doch nur konsequent anwenden. Wir brauchen bundeseinheitliche Regeln. Das heißt, wir müssen auffällige - ich betone: auffällige - Wölfe, die sich den Kindern immer wieder nähern, wie sie es bei uns im Waldkindergarten in Goldenstedt und auch woanders getan haben, und die immer wieder Nutztierrisse verursachen, besendern und zeitnah vergrämen. Wenn das nicht geht, müssen wir auch eine Entnahme durchführen.

Wir müssen uns bei der EU-Kommission dafür einsetzen, dass der Schutzstatus des Wolfes überprüft wird, damit wir zu einem wirksamen Bestandmanagement kommen können.
Wir müssen endlich anfangen, die Sorgen und die Ängste der Menschen, die betroffen sind, ernst zu nehmen - im Interesse der Menschen und des Wolfes.
Danke schön."

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